Islamische Kultur Die islamische Botschaft – Teil 9

Dies ist der neunte und letzte Teil der Einleitung in die Exegese (tafsīr) der Sure al-Baqara, basierend auf dem Buch „at-Taysīr fī uṣūl at-tafsīr“ von Scheich ʿAṭāʾ ibn Ḫalīl Abū ar-Rašta.

Im Namen Allahs des Erbarmungsvollen des Barmherzigen

Nun gibt es auch jene, die jegliche von den Arabern verwendeten Bedeutungen bejahen und sie allesamt anerkennen. Diese Leute vertreten den Standpunkt, dass Begriffe sowohl in der arabischen Sprache als auch im Koran mehrere Bedeutungen haben können. Somit weichen sie vom korrekten Verständnis lediglich in zwei Punkten ab:

1. Sie unterscheiden nicht zwischen aqīqa (eigentliche Bedeutungen) und mağāz (Metaphern), und erachten diese unterschiedlichen Bedeutungen stattdessen allesamt als aqīqa (eigentliche Bedeutungen).

2. Sie behaupten, dass beim Verständnis des Textes keine Wortbedeutung bevorzugt werden sollte. Folglich gehen sie nicht davon aus, dass ein Begriff eine eigentliche Bedeutung (aqīqa) besitzt und nur dann metaphorisch zu verstehen ist, wenn diese unpassend erscheint. Vielmehr würde es sich ihrer Meinung nach bei allen Wortbedeutungen stets um eigentliche Bedeutungen handeln, wobei keine Bedeutung Priorität vor einer anderen hätte, außer aufgrund eines kontextuellen Indizes (qarīna).

Dies setzt allerdings voraus, dass man alle möglichen Bedeutungen der arabischen Wörter heranzieht und keine vernachlässigt.

Hätten sie also wirklich sämtliche Bedeutungen, die von den Arabern für einen Ausdruck verwendet wurden, erfasst und herangezogen, um den Offenbarungstext zu verstehen, wären die Unterschiede tatsächlich sehr gering gewesen, selbst wenn sie all diese Bedeutungen als eigentliche Bedeutungen (aqīqa) bezeichnet hätten.

Problematisch wird es allerdings, wenn sie ausschließlich die eigentlichen Bedeutungen der arabischen Begriffe heranziehen, um den Koran zu verstehen. In diesem Fall gleichen sie jenen Leuten aus der ersten Gruppe, die sagen, Metaphern gäbe es zwar in der arabischen Sprache, jedoch nicht im Koran. Somit erkennen sie nur die eigentlichen Bedeutungen an und ignorieren alle anderen arabischen Bedeutungen des Begriffs.

Und genau hier liegt das Problem. Denn tatsächlich ignorieren sie einige der Bedeutungen, nämlich die Metaphern (mağāz), obwohl diese von den Arabern gleichermaßen verwendet wurden. Anstatt auch die Metaphern zu berücksichtigen, verlassen sie sich beim Verständnis des Koran ausschließlich auf die eigentlichen Bedeutungen, d. h. auf die von den Arabern ursprünglich festgelegten Bedeutungen der Begriffe. Und daraus resultieren gleich zwei folgenschwere Probleme:

Erstens: Sie begehen eine Sünde, weil sie den Koran nicht in der arabischen Sprache verstehen, obwohl er in dieser Sprache herabgesandt wurde. Nur einen Teilaspekt der arabischen Sprache zu berücksichtigen und alle anderen Bedeutungen zu ignorieren, obwohl die Araber ihr gesamtes Spektrum an Bedeutungen verwendeten, bedeutet de facto, den Koran nicht in der arabischen Sprache zu verstehen. Indem sie sich darauf beschränken, eine verkümmerte Variante der außerordentlich opulenten arabischen Sprache zu verwenden, missachten sie die Tatsache, dass der Koran in arabischer Sprache offenbart wurde.

Zweitens: Ihr Versuch, die Verse Allahs dennoch zu verstehen, führt unweigerlich zu Widersprüchen, weil sie einen Aspekt ihrer Bedeutungen außer Acht lassen.

Wenn sie beispielsweise die folgende Aussage des Erhabenen lesen:

﴿وَيَبْقَى وَجْهُ رَبِّكَ

Aber das Antlitz (wağh) deines Herrn bleibt bestehen.[55:27]

und sich mit der eigentlichen, also buchstäblichen Bedeutung (aqīqa) des Wortes wağh begnügen, mündet ihre Interpretation dieses Verses zwangsläufig in einem Dilemma. Sie müssen eingestehen, dass die eigentliche Bedeutung dieses Wortes in diesem Kontext unpassend ist, denn ursprünglich haben die Araber damit das Gesicht eines Menschen oder Tieres bezeichnet.

Allah (swt) ist jedoch darüber erhaben und trägt keine Schuld daran, dass man allein an der buchstäblichen Bedeutung festhält, die diesem Wort von den Arabern gegeben wurde. Denn Er, erhaben sei Er, ist einzigartig:

﴿لَيْسَ كَمِثْلِهِ شَيْءٌ

Nichts ist Ihm gleich![42:11]

Auf diese Weise gerieten sie in Verlegenheit und interpretierten das Wort als: ein Gesicht, das aber kein Gesicht ist (wağh wa laisa ka-l-wağh), wobei ihre Deutung (tafsīr) nichts anderes als einen Versuch darstellt, diesen arabischen Begriff ohne das reiche Spektrum der arabischen Sprache zu erklären.

Im Grunde handelt es sich um einen gescheiterten Erklärungsversuch. So ist es ihnen nicht gelungen, diesen Begriff gemäß den Gesetzmäßigkeiten der arabischen Sprache zu erklären, da sie:

weder die eigentliche sprachliche Bedeutung (aqīqa luġawīya), die von den Arabern für dieses Wort bestimmt wurde,

noch die konventionelle Bedeutung (aqīqa ʿurfīya), die bei den Arabern gebräuchlich war,

noch die islamrechtlicheBedeutung (aqīqa šarʿīya), die Allah (t) bzw. Sein Gesandter (s) für diesen Ausdruck festgelegt haben könnte,

noch eine metaphorische Bedeutung (mağāz) bzw. eine Metonymie (kināya) gemäß dem Gebrauch der Araber zur Erklärung des Wortes herangezogen haben.

Stattdessen sagten sie schlicht: Wağh, wa laisa ka-l-wağh – ein Gesicht, das aber kein Gesicht ist. Somit haben sie nachweislich erkannt, dass dieses Wort in diesem Vers nicht entsprechend seiner eigentlichen Bedeutung (ḥaqīqa) zu verstehen ist. Doch anstatt es gemäß seiner metaphorischen Bedeutung zu verstehen, wie dies bei den Arabern durchaus üblich war, gaben sie ihm eine Bedeutung, die überhaupt nicht im Einklang mit der Sprache der Araber steht.

So wird der Begriff wağh im Arabischen unter anderem verwendet, um das allgemein bekannte menschliche oder tierische Gesicht zu bezeichnen, was der eigentlichen sprachlichen Bedeutung (ḥaqīqa luġawīya) dieses Wortes entspricht. Die Araber verwendeten diesen Begriff jedoch auch im bildlichen Sinne (mağāz) und bezeichneten damit beispielsweise das Selbst einer Person (ḏāt aššaḫṣ) […]. Keinesfalls aber benutzten sie den Begriff wağh, um damit ein Gesicht zu bezeichnen, das aber kein Gesicht ist (wağh wa laisa ka-l-wağh).

Der Koran ist zweifellos in arabischer Sprache offenbart worden. Daher sollte die Erläuterung der Koranverse und aller darin verwendeten Begriffe in eben dieser Sprache erfolgen. Würden sie dieses selbstverständliche Prinzip befolgen und lediglich untersuchen, wie die Araber diesen arabischen Begriff verwendet haben, kämen sie bestimmt zu folgender Erkenntnis:

Der arabische Begriff wağh steht im bildlichen Sinne (mağāz) auch für eine angesehene Person. Denn um zu vermitteln, dass es sich um jemanden von Rang und Namen handelt, pflegten die Araber zu sagen: Ǧāʾa wağh al-qaum Der Hochgeachtete des Volkes ist erschienen“. Daher verstanden die Araber den besagten Vers:

﴿وَيَبْقَى وَجْهُ رَبِّكَ

Aber das Antlitz (wağh) deines Herrn bleibt bestehen.[55:27]

im Sinne von: Aber das erhabene Selbst (wağh) deines Herrn bleibt bestehen.

Hier kann keineswegs behauptet werden, dass dies eine weit hergeholte Interpretation des Verses sei, denn der Begriff wağh wird im Arabischen auch in eben dieser Bedeutung verwendet. Die arabische Sprache macht ein solches Verständnis geradezu erforderlich, weil arabische Begriffe sowohl eine eigentliche Bedeutung (aqīqa) als auch eine metaphorische Bedeutung (mağāz) besitzen können.

Und wie jeder Muslim zurecht glaubt, ist Allah (swt) weit darüber erhaben, ein Gesicht im Sinne der eigentlichen Bedeutung des arabischen Wortes zu haben.

Mit anderen Worten: Die eigentliche Bedeutung von wağh ist an dieser Stelle gänzlich unpassend. Stattdessen ist der Begriff als Metapher zu verstehen – so, wie er auch von den früheren Arabern verstanden wurde. Aus der islamischen ʿaqīda (Glaubensüberzeugung) geht nämlich eindeutig hervor, dass Allah (swt) kein Gesicht im Sinne der eigentlichen Bedeutung dieses Begriffes hat, denn Allah (swt) ist weit über eine solche Ähnlichkeit erhaben:

﴿لَيْسَ كَمِثْلِهِ شَيْءٌ

Nichts ist Ihm gleich![42:11]

Folglich gibt es zwei Optionen:

1. Entweder versteht man den Vers gemäß den Gesetzmäßigkeiten der arabischen Sprache und deutet den Begriff wağh als Metapher für Allahs erhabenes Selbst,

2. oder er wird nicht gemäß der arabischen Sprache verstanden. In diesem Fall würde man den Begriff als wağh wa laisa ka-l-wağh ein Gesicht, aber wie kein Gesicht interpretieren, was allerdings so wirkt, als ob derjenige, der den Vers erklärt, sich schämen würde zu sagen: „Ich weiß es nicht.“

Der zweite Fall entspricht der Vorgehensweise derjenigen, die sagen, dass Metaphern (maǧāz) zwar in der arabischen Sprache, jedoch nicht im Koran existieren würden. Ebenso trifft er auf jene zu, die sagen, dass alle Bedeutungen, die von den Arabern für ein Wort verwendet wurden, eigentliche Bedeutungen (aqīqa) sind, sie aber trotzdem nur auf einer Bedeutung beharren, anstatt all diese Bedeutungen beim Verständnis des Koran heranzuziehen. Durch ein solches Vorgehen wird jede weitere Bedeutung eines arabischen Begriffs ignoriert, obwohl dies dem folgenden Koranvers eindeutig widerspricht:

﴿وَهَذَا لِسَانٌ عَرَبِيٌّ مُبِينٌ

während dies eine klare arabische Sprache ist.[16:103]

Dennoch schöpfen sie nicht aus dem Reichtum der arabischen Sprache, um die Verse des Koran zu verstehen. Durch diesen beschränkten Zugang zum Wort Allahs wurden die Muslime mit Themen beschäftigt, die ihre Spaltung förderten, sodass sich die jeweiligen Sekten gegenseitig des kufr bezichtigten, ohne es zu merken.

Hätten sie nur um den Reichtum und der schöpferischen Vielfalt der arabischen Sprache gewusst, hätten sich diese Sekten niemals herausgebildet, die Umma hätte sich nicht in diverse Fraktionen gespalten und die Muslime wären in Brüderlichkeit Diener Allahs geblieben.

Abschließend seien die Worte eines geschätzten Sprachgelehrten zitiert, des außergewöhnlichen ibn Ǧinnī, der sagte: Diese Sprache ergibt sich zumeist aus Metaphern (maǧāz) und selten aus der eigentlichen Bedeutung (aqīqa). Da dies der Fall ist und die Leute, die angesprochen wurden, die kenntnisreichsten Menschen in Bezug auf das Spektrum der sprachlichen Mittel und die Opulenz ihrer Formen waren, erreichte sie das, womit sie angesprochen wurden, in jener Art und Weise, die ihnen vertraut war und die ihrer Gewohnheit entsprach. Sobald sie die Botschaft vernahmen, verstanden sie deren Absichten gemäß den Normen und Konventionen ihrer Sprache.

Deswegen gelangten die Gefährten (r) und ihre Nachfolger zu einer korrekten ʿaqīda und vollzogen ihre Handlungen im aufrichtigen Streben nach dem Wohlgefallen Allahs (swt). So konnten sie ihre Angelegenheiten in korrekter Weise regeln und ihre Situation zum Besten führen. Zur Zeit des Gesandten Allahs (s), seiner Gefährten und ihrer Nachfolger wandelten die Muslime auf einem erleuchteten Pfad. Niemand würde von diesem Pfad abweichen, außer die Irregeleiteten, und niemand würde ihn meiden, außer die Geächteten.