Konzeptionen Ist die „Wissenschaft“ der Soziologie wirklich universell?

Der Anspruch der Soziologie auf eine objektive wissenschaftliche Untersuchung wurde früher als selbstverständlich erachtet. In jüngerer Zeit jedoch wird dies in Frage gestellt. Unter Bezugnahme auf die Schriften von Scheich Taqī ad-Dīn an-Nabhānī untersucht der Bruder Shafiul Haq diese Wende, indem er die universelle Anwendbarkeit der Soziologie infragestellt.

In seinem Buch “Der Islamische Staat“, erörtert Scheich Taqī ad-Dīn an-Nabhānī die Problematik wie folgt:

„Tatsächlich handelt es sich bei diesen Bereichen der Soziallehre um Geistesbildung und nicht um universelle Wissenschaften.“

Er weist darauf hin, dass wir uns auf die islamischen Wissenschaften beziehen müssen, um ein fundiertes Verständnis von der Religion zu erlangen. Alle anderen Quellen würden das Verständnis betrüben und verfälschen.

Scheich An-Nabhānī stellte die universelle Anwendbarkeit der Soziologie in Frage und beschreibt sie vielmehr als eine kulturelle Erscheinung. Mit kulturell wird hier gemeint, dass die Soziologie weit davon entfernt ist objektiv zu sein, sie ist vielmehr eine Erscheinung die aus einer bestimmten Weltanschauung hervorgeht.

Während An-Nabhānī zu einer Zeit schrieb, in der die Soziologie als Wissenschaft angesehen wurde, wird in jüngster Zeit der Anspruch der Soziologie auf eine objektive wissenschaftliche Untersuchung sogar innerhalb der akademischen Welt selbst in Frage gestellt. Bestimmte Theorien, die früher großen Anklang fanden, sind inzwischen gründlich überarbeitet oder gänzlich verworfen worden.

Um den „kulturellen“ Charakter der Soziologie zu erkennen, ist es notwendig zu verstehen, dass das Streben nach der sogenannten „Wissenschaft vom Menschen“ ebenso wie die Naturwissenschaften aus den intellektuellen Entwicklungen der Aufklärungszeit hervorgegangen ist.

Professor Kenneth Allan von der University of North Carolina sagt hierzu:

Während die Vorstellung, dass die physische Welt den Naturgesetzen und nicht der Führung Gottes unterliegt, bedeutsam war, war die Idee, dass der Mensch am ehesten durch die Wissenschaft und nicht durch die Religion verstanden werden kann, weltbewegend.“

Das Bestreben, den Menschen aus wissenschaftlicher Perspektive verstehen zu können, beruhte Allan zufolge auf dem Glauben an „ein vernunftbegabtes Individuum, ein klares Studienobjekt und eine spezifische epistemologische Methode“. Wir werden im folgenden kurz auf jede dieser Annahmen eingehen.

Das vernunftbegabte Individuum

Modernismus basiert auf dem Glauben an die Fähigkeit des Einzelnen zur Vernunft und zur Selbstentwicklung. Die Auffassung der Moderne von Rationalität und menschlicher Perfektion ist im Gegensatz zur Tradition konstruiert. Während das moderne Wissen auf dem Glauben des Fortschritts basiert, hat sich das traditionelle Wissen über die Zeit fest eingebettet und dem Wandel widersetzt. Tatsächlich ist das Fortschrittsdenken eines der zentralsten Grundsätze der Moderne. Charles Lemert von der Wesleyan University drückte es mit folgenden Worten aus: „Aus Sicht des modernen Menschen schien es, dass jeder Fortschritt bei der Erschließung der Weltmeere, der Dschungel, der Berge und der Ebenen, die Welt, wie wir sie kennen, erst geschaffen hat, und damit auch die moralischste aller Tatsachen bestätigt: dass die Realität der Dinge darin besteht, dass es besser werden kann und wird.“

Anstelle von Gott, Offenbarung oder Tradition stellt die Moderne das rationale Individuum in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen und politischen Denkens. Es wird angenommen, dass der Einzelne in der Lage ist, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, indem er die natürliche und soziale Welt wissenschaftlich untersucht und mithilfe der Vernunft umgestaltet. Wie Allan sagt: „Der Fortschrittsgedanke hingegen rückt die menschliche Handlungsfähigkeit und die vom Menschen definierten Ziele in den Mittelpunkt. Im Allgemeinen zielen diese Ziele darauf ab, unsere Umgebung und Gesellschaft zu erklären, vorherzusagen und zu kontrollieren.“

Das klare Studienobjekt

Man geht heute weitestgehend davon aus, dass sowohl die natürliche, als auch die soziale Welt wissenschaftlich untersucht und kontrolliert werden können. Dieser Annahme liegt wiederum eine weitere Annahme zugrunde: nämlich, dass diese Sphären, also die natürliche und die soziale Welt, objektive Realitäten haben, die nach unveränderlichen Gesetzen funktionieren. Während das physikalische Universum als Studienobjekt der Naturwissenschaften weniger umstritten ist, steht die Behauptung, die soziale Welt unterliege unveränderlichen Gesetzen und sei deshalb unabhängiges Studienobjekt der sogenannten „Sozialwissenschaften“, auf äußerst wackligen Beinen und ist deshalb fragwürdig. Ist die Gesellschaft mit der natürlichen Welt gleichzusetzen? Funktioniert sie wirklich auf Grundlage unveränderlicher Gesetze, die durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt werden können?

Soziologische Erkenntnisse sind oft nicht schlüssig und ihre Meta-Erzählungen stellen kaum unveränderliche oder zugrunde liegende Gesetze dar, die soziale Phänomene erklären können.

Unter anderem deshalb sagt Scheich An-Nabhānī richtig, dass diese Erkenntnisse lediglich auf „Beobachtungen und Herleitungen“ basieren und daher „nur glaubhaft sind“. Weiter sagt er (r): „(…) sie können richtig aber auch falsch sein. Darüber hinaus bauen sie auf einer fehlerhaften Grundlage auf, die den Einzelnen und in Folge daraus die Gesellschaft betrachtet.“

Die spezifische erkenntnistheoretische Methode

Die erkenntnistheoretische Methode der Moderne ist der Positivismus. Allan liefert eine prägnante, aber treffende Erklärung des Positivismus: „Der wichtigste Grundsatz dieser Methode ist, dass das Universum empirisch ist. Etwas ist empirisch, wenn es auf direkter Sinneserfahrung oder Beobachtung beruht. Zu ihrer Zeit war diese Annahme äußerst kritisch und wurde in Ablehnung zur Religion formuliert. Die Religion geht davon aus, dass die eigentliche Wahrnehmung des Universums spirituell ist. Die reelle Welt wird als vorübergehend oder illusionär angesehen, als etwas das vergeht und keine Substanz hat. Der Positivismus geht genau vom Gegenteil aus: Die einzige Realität, die wir mit Gewissheit kennen können ist die Physische und das Wissen über dieses Universum wird durch Beobachtungen erworben“.

Außerdem geht der Positivismus, wie bereits erwähnt, davon aus, dass sowohl das Universum als auch unsere soziale Welt auf Grundlage unveränderlicher Naturgesetze funktionieren. Allan zitiert Auguste Comte, der als Begründer der Soziologie gilt und schreibt: „Der Zweck der positiven Methode besteht darin, diese Gesetze zu erforschen und sie zur Verbesserung der Lebensumstände des Menschen zu nutzen. (…) Comte war der Ansicht, die Gesellschaft sei unveränderlichen Naturgesetzen unterworfen. Seiner Auffassung nach bestünde die Aufgabe der Soziologie darin, die soziale Welt, in der wir leben, zu verbessern. Der Positivismus biete ihm zufolge die einzig solide Grundlage für die soziale Neuordnung“.

Wie bereits erwähnt bildeten der Glaube an das vernunftbegabte Individuum, die Gesellschaft als objektiver Untersuchungsgegenstand und die wissenschaftliche Methode bis vor kurzem das Fundament der soziologischen Theorie. In letzter Zeit wurden ebenjene Prämissen jedoch häufiger in Frage gestellt, weswegen die Frage berechtigt ist, ob die jüngsten Entwicklungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften das Ende der Soziologie als wissenschaftliche Disziplin einläuten.

Die Erörterung in dem Buch „Der islamische Staat“ ist kurz und wurde nur erwähnt um hervorzuheben, dass einigen Disziplinen mehr Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird, als sie verdienen. Manchmal sogar bis zu dem Punkt, an dem einige Muslime beginnen, ihre Religion auf Grundlage der zugrundeliegenden Annahmen dieser sogenannten „Wissenschaften“ neu zu interpretieren. Der Punkt ist nicht, dass diese Disziplinen völlig nutzlos sind. Womöglich werden im Rahmen dieser berechtigte Fragen und wichtige Punkte aufgeworfen. Es ist aber wichtig ihren kulturellen Charakter nicht aus den Augen zu verlieren, denn wenn dies nicht berücksichtigt wird, besteht die Gefahr, dass ihre Ansichten und Ideen fälschlicherweise universalisiert werden.

Quelle: hizb-australia.org