Konzeptionen Das Konzept von Glück – Teil 1

Wenn Menschen danach gefragt werden, was Glück ist, dann kommen recht unterschiedliche Antworten zusammen. Obwohl jeder eine vage Vorstellung hat, um was es geht, wird man nicht zwangsläufig zu dem gleichen Ergebnis gelangen.

Für all jene, die nicht so recht wissen, ob sie glücklich sind, haben britische Psychologen eine Formel entwickelt: Glück = P + (5xE) + (3xH). Niemand hätte vermuten können, dass eine Formel mit nur drei Komponenten über Glück oder Unglück entscheiden kann. P steht für persönliche Eigenschaften wie Lebenseinstellung und Anpassungsfähigkeit. E bedeutet Existenz und beinhaltet Gesundheit, finanzielle Stabilität und Freundschaften. Der Buchstabe H steht für höhere Werte wie Selbstwertgefühl, Erwartungen und Sinn für Humor. Mit dem zu erreichenden Wert 100 wäre man also ein absoluter Glückspilz. Nun, leider erfasst diese Formel nur das individuelle Glück.

Wer globaler denkt und wissen will, wer das glücklichste Land der Erde ist, schaut in den World Happiness Report, der im Jahr 2022 bereits zum 9. Mal vorgelegt wurde. Dieser Weltglücksbericht untersucht in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen, wie glücklich die einzelnen Länder der Erde sind. Forscher der New Yorker Columbia University sowie internationale Experten untersuchten 2012 erstmals 156 Länder und befragten jeweils mehr als 3.000 Menschen. Zu den Kriterien gehören unter anderem das Bruttoinlandsprodukt, die Lebenserwartung, geistige Gesundheit, die Selbstwahrnehmung der Einwohner, die Erwerbslosigkeit, aber auch das Vertrauen in Regierung, Regierungsführung und Unternehmen. Unter Berücksichtigung aller Faktoren wohnte das Glück im Jahr 2022 zum wiederholten Mal in Finnland. Für die Autoren des Berichts ist das Bruttoinlandsprodukt nicht mehr der entscheidende Messwert, um den Erfolg eines Landes zu messen. Stattdessen wird nun Glück als Messgröße für Fortschritt und Ziel der Politik definiert. Der „Tyrannei des Bruttosozialprodukts“ müsse ein tieferes Nachdenken über die Qualität von Wachstum entgegengesetzt werden, so die Autoren, womit sie nicht ganz unrecht haben, denn dass Glück und steigende Einkommen nicht kausal zusammenhängen, lässt sich sehr leicht am Beispiel Chinas (Platz 72) demonstrieren. „Die Menschen in China sind nicht glücklicher als vor 25 Jahren“, heißt es – und das, obwohl sich das Bruttoinlandsprodukt seit Anfang der 90er Jahre verfünffacht habe und fast jeder städtische Haushalt mittlerweile über Fernseher, Waschmaschine und Kühlschrank verfüge. Mit anderen Worten kommt mit dem Wohlstand nicht unbedingt das Glück ins Haus, wonach seine Bewohner jedoch streben.

Dieses menschliche „Streben nach Glück“ wurde von den Vereinten Nationen 2012 zu einem fundamentalen menschlichen Ziel erhoben, welches mit einem eigenen Gedenktag am 20. März gewürdigt wird. In den USA ist es sogar als unveräußerliches Recht in ihrer Unabhängigkeitserklärung fest verankert. Warum Thomas Jefferson 1776 auf die Idee kam, „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ in die Unabhängigkeitserklärung zu verankern, wird für immer sein Geheimnis bleiben, aber geholfen hat es den Amerikanern auch nicht. Die Amerikaner schafften es 2022 zwar auf den 16. Platz und stiegen im Vergleich zum Vorjahr um drei Plätze auf, aber seit Jahren schon besteht eine Kluft zwischen Realität und Anspruch hinsichtlich ihres Glücksempfindens. Deshalb widmeten die Autoren des „Happiness Report“ in ihrem Bericht von 2017 den USA ein eigenes Kapitel und betonten, dass das Bruttoinlandsprodukt der USA stetig zunehme, während der Glücksindex weiter sinke. Obwohl das Pursuit of Happiness (Streben nach Glück) das Geburtsrecht jedes Amerikaners ist, wird das Volk aber sukzessive unglücklicher. Dies wiederspricht dem gesellschaftlichen Imperativ der USA, welcher als griffiger Slogan auf bunten Leuchttafeln überall zu finden ist: Sei glücklich! Scheinbar macht genau dieser Druck, glücklich sein zu müssen, die Amerikaner immer unglücklicher. Happiness ist in den Vereinigten Staaten eng verknüpft mit dem sogenannten amerikanischen Traum. Es ist die ins Herz gravierte Illusion, dass du es unter allen Umständen vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kannst, wenn du nur bereit bist, die Hemdsärmel hochzukrempeln. Die Bürger hetzen, getrieben durch ihren unstillbaren Durst nach Glück, einer Fata Morgana hinterher, wobei sie sich nur umso weiter von ihrem eigentlichen Ziel entfernen. Sie werden dennoch angeheizt von dem Versprechen, dass es jeder auf den Gipfel des Glücks schaffen könne. Senator Marco Rubio aus Florida teilte die Bürger der USA in seiner Rede zur Senatorenwahl 2011 nicht in „haves and have-nots“ ein, sondern in „haves and soon-to-haves“, also Reiche und Demnächst-Reiche. Dieses in einem netten Motto verpackte Wahlversprechen ist außerordentlich weit von der amerikanischen Wirklichkeit entfernt.

Ja, es gibt die Menschen, die mit nichts angefangen haben und nun in ihren Villen ihrem glücklichen Dasein frönen. Dies suggeriert aber, dass all jene, die es nicht schaffen, sich aus einer miserablen Kindheit, Armut oder Obdachlosigkeit zu befreien, selber an ihrem Unglück Schuld seien und sich damit das Mitleid der „haves and soon-to-haves“ verwirkt haben. Allein in Los Angeles leben mehr Obdachlose als in ganz Deutschland zusammen. Auf eine Krankheit folgen in den USA meist auch der Verlust des Arbeitsplatzes und die daran gekoppelte Krankenversicherung. Wenn man in den USA fällt, dann fällt man ungebremst auf den kalten Asphalt. Das ist das Gegenstück der amerikanischen Glücksbotschaft, die das Leben der Menschen wie ein fortwährend dröhnender Ohrwurm begleitet. In den USA solle sich der amerikanische Bürger immer nur vorstellen, dass das Leiden eine lästige Falte wäre, die mit der passenden Schönheitspaste „wegzucremen“ sei. Die Realität zeigt jedoch, dass das weder bei Falten noch beim Leid möglich ist. Ein Viertel der Frauen in den USA nimmt Antidepressiva und mehr als ein Drittel der Bürger leidet an Angstzuständen. Die USA sind führend in der Betäubung seelischer wie körperlicher Schmerzen. 2017 starben in Amerika mehr Menschen an opiumhaltigen Schmerzmitteln als an Schussverletzungen. In Zahlen gesprochen, starben täglich 100 Menschen an einer Überdosis morphinhaltiger Substanzen wie in Schmerztabletten, Heroin oder dem hochpotenten Narkosemittel Fentanyl. Als Antwort auf die Krise rief der damalige US-Präsident Donald Trump den nationalen Gesundheitsnotstand aus und stellte zusätzliche Bundesmittel im Kampf gegen die Pandemie bereit. Tatsächlich konnte dieses Problem bisher nicht gelöst werden, denn die Opferzahlen sind in den Folgejahren noch weiter gestiegen.

Die amerikanische Vorstellung von Glück scheint Menschen ins Unglück zu stürzen und dennoch halten sie so unerbittlich an ihrem erklärten Geburtsrecht fest. Die Psychologin Iris Mauss von der Universität in Berkeley hat in einer Studie aufzeigen können, dass der Druck, glücklich zu sein, Menschen erst recht unglücklich macht. Eine Gesellschaft, die Glück selbst als Messlatte anlegt, kann recht mitleidslos sein, wenn Menschen verzweifeln. Denn jeder, der nicht glücklich ist, schäme sich dafür, unglücklich zu sein, erkannte der österreichische Psychiater Viktor Frankl. „Es ist die Jagd nach dem Glück, die das Glück vertreibt“, so Frankl. Dennoch wurden die USA zu einer ewigen Selbstverbesserungs- und Optimierungsmaschine, die nach materiellem Wohlstand strebt und dabei ächzt und brummt und immer aufpassen muss, nicht unter dem enormen Gewicht zusammenzubrechen.

Um sich der Unglücklichen zu entledigen, werden sie an den Randzonen des Elends ausgesetzt, die ein Durchschnitts-Amerikaner möglichst nicht betreten will: Ghettos, Slums und Obdachlosenunterkünfte. In Amerika ist die Ausgrenzung politisch motiviert. Wenn Menschen an den Randzonen einer Gesellschaft ausgesetzt werden, geraten sie aus den Augen, aus den Herzen und aus dem Sinn. 

In Fort Lauderdale, Florida, wurde 2014 sogar ein Gesetz verabschiedet, das das öffentliche Verteilen von Essen an Obdachlose unter Strafe stellt. Deshalb hat man den 90 Jahre alten Kriegsveteranen Arnold Abbott verhaftet, der jede Woche ein Obdachlosenessen mit seiner Nachbarschaftshilfe „Liebe deinen Nachbarn“ organisiert. Das Argument: Er könne die Obdachlosen drinnen verpflegen, wo sie keiner sieht, nur in Gottes Namen nicht sonntags vor seiner Kirche. Zwar wurde das Gesetz nach massiven Protesten und etlichen Festnahmen aufgehoben, aber am Ende musste Abbott trotzdem 60 Tage ins Gefängnis und ein Bußgeld zahlen. So wurde schnell aus dem Akt der Nächstenliebe eine kriminelle Handlung und aus dem netten 90-Jährigen Kriegsveteranen wurde ein 90-Jähriger vorbestrafter Ex-Knacki. Vielleicht wundert man sich mit diesem Wissen weniger über Trumps Wahlerfolg. Just in dem Augenblick nämlich, als Trump der sogenannten Elite, dem Establishment mit Geld und Macht, den Kampf ansagte, hatten die gesellschaftlich Abgehängten ihren Messias gefunden. Er musste also lediglich ein Pflaster auf eine ohnehin schon lange pulsierende Wunde legen. Der damalige Präsidentschaftskandidat, der selbst Teil des verhassten Establishments war, musste nur noch ein wenig Salz in die Wunde streuen, um seine Notwendigkeit aufzublähen. Darin offenbart sich die Tatsache, dass Politiker die Zufriedenheit, das Glück und die Unzufriedenheit des Volkes nutzbar machen können, um ihre Bürger zu lenken.