Konzeptionen Das Konzept von Glück – Teil 2

Jedes Jahr blicken Journalisten weltweit erwartungsvoll auf den Happiness Report, um dann in einem obligatorischen Artikel zu verkünden, wer das glücklichste Land der Welt ist. Dieser jährliche Bericht untersucht weltweit in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und Forschern der New Yorker Columbia University, wie glücklich sich die Einwohner in den einzelnen Ländern fühlen. Man könnte im Hinblick auf Glück glauben, dass besonders reiche und freie Länder bzw. die Länder mit einem hohen Bruttoinlandsprodukt automatisch in der Rangliste weit oben zu finden sind, aber die USA oder Deutschland sucht man dort beispielweise vergebens. Demnach scheint Geld und Freiheit allein nicht glücklich zu machen. Doch wenn Geld und Wohlstand alleine Menschen nicht glücklich machen, was ist es dann?

Seit Jahrzehnten ist das Phänomen Glück Gegenstand eines wissenschaftlichen Diskurses. Es wird von Vertretern unterschiedlicher Fachbereiche wie Biologen, Neurowissenschaftlern, Psychologen oder Sozialwissenschaftlern mit Hilfe von bildgebenden Verfahren oder unter Hinzunahme klassischer Fragebögen untersucht, beschrieben und diskutiert. Bis dato konnte keine einheitliche „Wikipedia-taugliche“ Definition präsentiert werden. Natürlich haben sich jahrhundertelang auch die Philosophen von der Antike bis zur Neuzeit, von A wie Aristoteles bis Z wie Zenon, mit dem Glück und der Glückseligkeit beschäftigt. Für den einen bedeutet Glück die reine Schmerzfreiheit (Epikur), für den anderen ist es ein tugendhaftes Leben mit ausreichend materiellen Gütern (Aristoteles).

In den letzten Jahren ist die Glücksforschung auch auf politisch-gesellschaftlicher Ebene attraktiv geworden.  Der Glücksforscher Richard Layard ist gar der Meinung, dass Politik das Ziel haben sollte, das menschliche Wohlergehen und nicht materiellen Wohlstand zu maximieren, was ganz und gar der kapitalistischen Maxime widerspricht. Zur Erreichung des Ziels sei die Analyse und Erhebung von Glücksindikatoren erforderlich. In Großbritannien werden seit 2006 im Rahmen einer Erhebung Glücksindikatoren abgefragt, bei der die Befragten u. a. ihre Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10 einordnen sollen. Im deutschen Bundestag wurde Ende 2010 eine Kommission ins Leben gerufen mit dem Titel „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, deren Ergebnisse 2013 veröffentlicht wurden. Hier standen folgende Fragen im Fokus: Wie können gesellschaftlicher Wohlstand, individuelles Wohlergehen und nachhaltige Entwicklung in einer Gesellschaft angemessen definiert und abgebildet werden in Anbetracht der Tatsache, dass der Fokus auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts nicht mehr ausreicht? Hinter den Wohlstandsperspektiven stehen die Fragen: Gibt es Grenzen des Wachstums und wie geht Deutschland mit möglicherweise geringeren Wachstumsraten in den nächsten Jahrzehnten um? Zwar konnten die verschiedenen Parteien sich auf keine zufriedenstellenden Antworten einigen, aber, wenn man genauer hinsieht, dann erkennt man folgendes: Hier versuchte man im Hinblick auf mögliche Risiken, ähnlich der Finanzkrise von 2007/08, die Zufriedenheit der Bürger nicht mehr nur mit Wohlstand zu koppeln. Plötzlich wollte man erkannt haben, dass Zufriedenheit zwar vom Einkommen abhänge, aber nicht automatisch auch die Lebensfreude. Damals hatte noch keiner die geringste Ahnung, dass eine Pandemie und Wirtschaftskriese auf die Welt zurollte, in der die Lebensfreude ihrer Bürger auf eine harte Probe gestellt werden sollte.

Trotz aller Differenzen bei der Festlegung des Begriffs, was sicher auch den Paradigmen der unterschiedlichen Disziplinen geschuldet ist, gibt es nichtsdestotrotz einen gemeinsamen Nenner. Glück scheint eine Emotion zu sein, die von externen Faktoren abhängt: von der Gesundheit, der Lebenserwartung, der Umwelt, der Erwerbsarbeit, den Finanzen. Es geht um das Haben und Nichthaben. Es geht also um die Wohlfühlfaktoren des Lebens, die fortwährend aus der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und der Erfüllung der Wünsche resultieren. Aber Wünsche haben eine entscheidende Nebenwirkung: „Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge“, hat Wilhelm Busch ganz treffend beschrieben. Menschen trachten nach ihrem Glück, sie haben immer Bedürfnisse, die befriedigt werden sollen, und Wünsche, die immer erfüllt werden müssen. Es gibt keinen Menschen, der sich davon freisprechen kann, kein Muslim, kein Nichtmuslim, kein Erwachsener und kein Kind. Das Streben nach Mehr ist eine Eigenschaft des Menschen, die ihn bis zu seinem Lebensende erfüllt und antreibt.

ʿAbbās ibn Sahl ibn Saʿd berichtete: Ich hörte ibn az-Zubair, als er auf der Kanzel stand und Folgendes predigte: „Ihr Menschen, der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, pflegte wahrlich Folgendes zu sagen: Wenn dem Sohn Adams ein Tal voll Gold gegeben worden wäre, hätte er gern ein zweites dazu gehabt, und wenn ihm ein zweites gegeben worden wäre, so hätte er gern ein drittes dazu gehabt. Und nichts kann die Bauchhöhle des Sohnes Adams füllen außer Sand und Allah wendet Sich demjenigen mit Vergebung gnädig zu, der sich reumütig von seinen Schlechtigkeiten fernhält.“(al-Buḫārī)

Für uns Muslime ist das richtige Verständnis, das richtige Konzept von Glück, existentiell. Wir wissen, dass unser Leben begrenzt ist, dass es eine Frist hat, und deshalb müssen wir uns immer wieder bewusstmachen, wofür wir leben. Man muss sich die Frage nach dem Sinn des Lebens fortwährend stellen, ohne der Antwort überdrüssig zu werden. Betrachtet man all jene, die augenscheinlich ignorieren, dass sie erschaffen wurden, so sieht man, dass sie zwar in der Lage sind, zu genießen, aber ihr Genuss nicht in Glück, bzw. Glückseligkeit mündet. Also streben sie nach mehr Genuss, egal, wie viel sie besitzen. Aus ihrer Sicht ist es zu wenig, denn solange das Glücksgefühl nicht von Dauer ist, reicht es nie. Das Glück selbst wird zum Sinn des Lebens. Deshalb hat die Corona-Pandemie gerade jenen Menschen, die nur in der Lage sind, zu genießen, den Boden unter den Füßen weggerissen, denn in dieser Zeit wurde dem Genuss Einhalt geboten. Das Glück konnte nicht mehr in Feiern, Restaurantbesuchen und Reisen gefunden werden. Plötzlich reichte eine Jogginghose im Leben aus, denn die Designerhose wurde überflüssig, wenn sie von keinem bewundert werden kann. Dieser Umstand betrübte nicht nur den gewöhnlichen Bürger, sondern mehr noch die Wirtschaft, die doch stets bemüht ist, den Menschen mit immer mehr Genussmitteln das Geld aus der Tasche zu ziehen.