Kommentar Besatzermythen

Der folgende Artikel basiert auf einem Vortrag, den der Autor auf der am 23./24. April 2005 von der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal veranstalteten Konferenz »Islam – Islamismus – ›islamischer‹ Widerstand« gehalten hat.

Der folgende Artikel basiert auf einem Vortrag, den der Autor auf der am 23./24. April 2005 von der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal veranstalteten Konferenz »Islam – Islamismus – ›islamischer‹ Widerstand« gehalten hat.Der Text erschien im Heft 4 der Marxistischen Blätter (Schwerpunkt: »Feindbild Islam«). Die dort vollständig abgedruckte Fassung ist um zahlreiche Literaturangaben und Quellen erweitert.Der Kampf einer Besatzungsmacht gegen einen bewaffneten Widerstand ist nicht nur eine militärische Angelegenheit. Genauso wichtig ist der Kampf um die öffentliche Wahrnehmung des Konflikts, im eigenen Land wie international. Da das Recht der Bevölkerung eines angegriffenen bzw. besetzten Landes, sich auch mit Waffengewalt gegen den Aggressor zur Wehr zu setzen, an sich unbestritten ist, ist die propagandistische Delegitimierung des Widerstands seit jeher unerläßlich. Es ist also nicht verwunderlich, daß die USA und ihre irakischen Verbündeten ihre Gegner im Irak samt und sonders als eine Bande mörderischer Verbrecher hinzustellen versuchen, denen es nur darum gehe, das Land ins Chaos zu stürzen und Freiheit und Demokratie zu verhindern – und daß diese Lesart von den meisten westlichen Medien bereitwillig übernommen wird.Sehr geschickt wird damit auch vom illegalen Charakter der Besatzung abgelenkt und der Widerstand sogar zur Rechtfertigung ihrer Fortsetzung verwendet – um »Stabilität zu schaffen« und »einen Bürgerkrieg zu verhindern«.Ich werde im folgenden nicht detailliert auf Ideologie, Zielsetzung und praktische Politik der gesamten Widerstandsbewegung eingehen, die mit über 50 bewaffnet operierenden Gruppen und Zusammenschlüssen immer noch recht unübersichtlich ist. Es gibt mittlerweile jedoch genügend zuverlässige Informationen, nicht zuletzt durch Stellungnahmen der zivilen Opposition gegen die Besatzung, um viele der verbreiteten Mythen über den Widerstand und seine gezielten Diffamierungen korrigieren zu können.Behauptung 1: Der Widerstand steht unter einheitlicher FührungEin wichtiges Element der Propaganda ist es, den militärischen Widerstand als eine Bewegung darzustellen, die unter der einheitlichen Führung von alten Vertrauten Saddam Husseins und islamischen Fanatikern ŕ la Al-Sarkawi stehe und innerhalb der Bevölkerung isoliert sei.Indem man allen Aktionen einen gemeinsamen Plan unterstellt, läßt sich der gesamte Widerstand recht einfach durch Verweis auf einzelne Terroranschläge diskreditieren. So wies beispielsweise Abdullah Muhsin, IKP-Mitglied und internationaler Vertreter der Iraqi Federation of Trade Unions (IFTU), vor kurzem in einem Interview schon das Wort »Widerstand« als Beleidigung der französischen Résistance und Vergleiche mit Vietnam als Verunglimpfung des Begriffs »Nationale Befreiung« zurück. Wie könne man Leute, die in Hilla durch einen Selbstmordanschlag auf einem Marktplatz 150 Menschen massakrieren, »Widerstand« nennen?Und indem man behauptet, der Widerstand ziele allein auf Chaos und Instabilität, um danach Saddams Diktatur zu restaurieren oder ein theokratisches Regime zu errichten, lassen sich auch die – aus Sicht einer Befreiungsbewegung – unsinnigsten Aktionen dem Widerstand zuschreiben.Wie wenig die von den Medien bereitwillig wiedergegebene Propaganda mit der Realität gemein hat, zeigen schon die regelmäßigen CIA-Berichte, nach denen Saddam-Anhängern und der Sarkawi-Fraktion keine größere Rolle im Widerstand zukommt. Nach ihren Erkenntnissen, so die CIA, werde der Widerstand im wesentlichen von »neu radikalisierten sunnitischen Irakern« getragen, »von Nationalisten, die sich durch Besatzungstruppen beleidigt und gedemütigt fühlen, und anderen, die durch den wirtschaftlichen Aufruhr und die Zerstörung desillusioniert sind.« Die Zahl der ausländischen Kämpfer bewege sich im Bereich von wenigen Prozent.Zu ähnlichen Erkenntnissen gelangten laut Berliner Zeitung auch andere westliche Dienste. Noch deutlicher zeigen dies die Studien des renommierten Militärexperten Anthony Cordesman vom Washingtoner Center for Strategic and International Studies und der NATO-nahen International Crisis Group.Nach der Festnahme Saddam Husseins wurde der Jordanier Abu Musab Al-Sarkawi von den USA als »Master mind« des Widerstands und neue Inkarnation des Bösen aufgebaut. Mit seiner angeblichen Präsenz wurde u. a. der verheerende zweite Angriff auf Falludscha gerechtfertigt. Viele Kritiker der USA bezweifeln hingegen nicht nur die führende Rolle Al-Sarkawis im Widerstand, sondern schlicht seine Existenz. Arabische Geheimdienste sind sich jedenfalls sicher, daß seine Gruppe viel zu klein ist, um auch nur ansatzweise all die ihm zugeschriebenen Aktionen durchführen zu können.Behauptung 2: Der Widerstand ist isoliertIn deutlicher Diskrepanz zur offiziellen Darstellung stehen auch die Angaben, die General Muhammed Shahwani, der Chef des neuen irakischen Geheimdienstes, über die Zusammensetzung des Widerstands machte. Nach seinen Erkenntnissen stehen den Besatzungstruppen mehr als 40 000 »Hardcore-Kämpfer« gegenüber, unterstützt von 150 000 Irakerinnen und Irakern, die als »Teilzeitguerillakämpfer«, Kundschafter und logistisches Personal arbeiten.Shahwani war schon unter Saddam Hussein Geheimdienstchef in Bagdad gewesen, bevor er das Land verließ und sich Ijad Allawis National Accord anschloss. Im Gespräch gab er auch zu, daß der Widerstand in vielen Gouvernaten breite Unterstützung unter der Bevölkerung genieße. »Die Leute haben einfach die Nase voll, nach zwei Jahren ohne jegliche Verbesserung. Die Leute haben das Gefühl, etwas tun zu müssen. Die Armee hatte eine Stärke von mehreren Hunderttausend Mann. Es war zu erwarten, daß sich viele Veteranen dem Kampf anschließen würden. – Und jeder von ihnen hat noch Söhne und Brüder.« Die Rebellen haben viele Stadtteile und kleinere Städte im mittleren Teil des Iraks in faktische »No-go Zonen« für die Besatzungstruppen verwandelt, so Shahwani, trotz der Anstrengungen der US-Truppen, Enklaven wie Samarra and Falludscha zurückzuerobern.Behauptung 3: Der Widerstand greift gezielt zivile Ziele anDiverse Meinungsumfragen und die Erkenntnisse der CIA bestätigen, daß Angriffe auf Besatzungstruppen bei einem großen Teil der Bevölkerung auf Zustimmung stoßen. Anschläge auf in- und ausländische Zivilisten, Entführungen usw. werden hingegen einhellig abgelehnt. Auch die wesentlichen Widerstandsorganisationen haben sich stets eindeutig davon distanziert, wie u. a. die Referenten auf der Irak-Konferenz in Berlin übereinstimmend berichteten (siehe www.irakkonferenz.de). So betonte Hadi Al-Khalessi von der »Irakischen Nationalen Gründungskonferenz« (INFC), einer Dachorganisation des zivilen Widerstands, die auch von vielen Guerillagruppen als politisches Sprachrohr anerkannt wird: »Alle Aktionen, die sich nicht eindeutig gegen die Besatzer richten, nützen letztlich diesen. Alles, was sich gegen die Zivilbevölkerung richtet, ist Terrorismus und hat mit dem Widerstand nichts zu tun.« (jW, 19.3.05)Ähnlich sieht dies u. a. auch die »Islamische Front des irakischen Widerstands« (Jama’), ein Zusammenschluß von Widerstandsgruppen aus den Provinzen nördlich und östlich von Bagdad. Ihre Richtlinien verbieten explizit Angriffe auf zivile Ziele und verurteilen das »Abschlachten von Geiseln« und das »Vergießen irakischen Blutes, unabhängig unter welchem Vorwand und unabhängig davon, ob es sich um Zivilisten oder Angehörige der Polizei oder Nationalgarde handelt.« Die Richtlinien der Front verbieten zudem jegliche Kooperation mit Gruppierungen, die in solche Anschläge involviert sind. Um das Leben von Zivilisten nicht zu gefährden, sollen zudem Angriffe auf Besatzer innerhalb von Städten vermieden werden.Diese Äußerungen stehen in scharfem Kontrast zu den häufigen Anschlägen auf Zivilisten, die das Bild in den täglichen Nachrichten bestimmen. Sieht man sich das gesamte Spektrum an bewaffneten Aktionen an, so stellt man fest, daß diese – wer immer dahinter stecken mag – nur einen recht kleinen Teil ausmachen und keine Zusammenhänge mit dem Hauptteil der klassischen militärischen Widerstandsaktivitäten erkennen lassen.Anthony Cordesman hat die Zahl der öffentlich bekannt gewordenen Angriffe und Opfer von September 2003 bis Oktober 2004 nach Art des Zieles aufgeschlüsselt. Seine Untersuchung macht deutlich, daß die Zahl der Angriffe auf Besatzungstruppen klar überwiegen (über 75 Prozent) und Angriffe auf zivile Ziele nur einen sehr kleinen Teil ausmachen (4,1 Prozent). Die Anschläge auf ungeschützte Menschen sind dafür um so verheerender, wodurch die Zahl der zivilen Opfer dennoch viel höher ist, als die der militärischen.Das gleiche Verhältnis ergibt sich aus einer Statistik, die die New York Times auf Basis der Zahlen der CIA für die Zeit von Juni 2003 bis März 2005 erstellt hat. Sie zeigt zusätzlich den zeitlichen Verlauf. Demnach lag die Zahl der Angriffe seit April 2004 durchgängig bei über 1 500 im Monat. Im August und November 2004 sowie im Januar 2005 waren es sogar über 70 pro Tag. Sie werden unterteilt nach Angriffen auf Besatzungstruppen, irakische Hilfstruppen, Zivilisten und Sonstige. Auch diese Übersicht belegt, daß die Angriffe zu über 75 Prozent den Besatzungstruppen gelten und Anschläge auf Zivilisten konstant nur einen kleinen Teil ausmachen.Letztere müßten noch weiter differenziert werden. Da »zivil« nicht gleichbedeutend mit »unbeteiligt« ist, können in diese Kategorie auch Geheimdienstleute, Söldner, Spitzel oder sonstige Personen fallen, die die Besatzungstruppen in ihrem Krieg unterstützten.Es ist zudem nicht korrekt, Anschläge auf Zivilisten pauschal Besatzungsgegnern zuschreiben. Zum einen bleiben die Hintergründe von Anschlägen mit zivilen Opfern meist völlig im dunkeln. Sie wurden nie von unabhängigen Stellen untersucht. Zum anderen sind die Opfer gezielter Attentate oft ausgewiesene Gegner der Besatzung. Verantwortlich werden hierfür u. a. die Badr-Brigaden des SCIRI und andere Milizen proamerikanischer Organisationen gemacht. Es verdichten sich zudem die Hinweise auf das Agieren von Todesschwadronen im Rahmen der als »Salvador Option« bekanntgewordenen US-Pläne eines verdeckten, schmutzigen Krieges gegen den Widerstand und seine Sympathisanten (vgl. jW vom 19.5.2005).Viele der Greueltaten, zu denen sich angeblich ein Al-Sarkawi oder neu aufgetauchte Gruppierungen bekannten, geschahen zudem zu einem für die Besatzer so günstigen Zeitpunkt, daß es schwerfällt zu glauben, hier seien nur fanatische Feinde der USA am Werk.Nur zirka 15 Prozent der Angriffe gelten irakischen Hilfstruppen. Da hierzu auch kurdische Peshmergas und andere Einheiten gezählt werden, die unmittelbar in den Angriffen gegen den Widerstand eingesetzt wurden, ist zu vermuten, daß die Aufrufe der wichtigen Widerstandsgruppen, keine irakischen Polizisten oder Soldaten anzugreifen, solange sie nicht gegen den Widerstand vorgehen, weitgehend respektiert werden.Angesichts solcher Zahlen ist es kaum einsichtig, warum die selben Kämpfer und Kämpferinnen, die Woche für Woche eine größere Zahl sorgfältig geplanter und gut koordinierter Angriffe gegen einen militärisch überlegenen Gegner ausführen, sich an anderen Tagen in einer Menschenmenge in die Luft jagen sollen.Es liegt wesentlich näher anzunehmen, daß hier völlig verschiedene Kräfte, mit völlig verschiedener Motivation und Zielsetzung, am Werk sind. In einem von der Federation of American Scientists (FAS) übersetzten Überblick über irakische Widerstandsgruppen aus der irakischen Wochenzeitung Al Zawra wird das Spektrum der bewaffnet agierenden Kräfte daher konsequenter Weise unterteilt in »Gruppen, die Widerstand gegen die Besatzung leisten« und »andere bewaffnete Gruppen«, die zu »Entführungen und Ermordung von Ausländern als Methode« greifen.Namentlich erwähnt werden neun Gruppen, die alle radikalislamische Ideologien verfolgen, darunter die Gruppe des Jordaniers Abu Musab Al-Sarkawi. Obwohl sie von den meisten Irakern nicht dazugezählt werden, bestimmen sie das Bild des Widerstands in den westlichen Medien. Diese stützen sich dabei neben den »Erkenntnissen« der Geheimdienste vor allem auf Internetseiten, auf denen sich die Gruppierungen angeblich über ihre Ziele und Aktivitäten auslassen. Solche Seiten sind leicht manipulierbar und von äußert fragwürdiger Authentizität, stützen aber vorzüglich die gängige Charakterisierung des Widerstands.Die Erklärungen und Berichte der Widerstandsgruppen zirkulieren vorwiegend als Flugblätter. Einige irakische Zeitungen, wie z.B. Mufakkirat Al-Islam, veröffentlichen diese auszugsweise und bringen Berichte von ihren eigenen Journalisten, die oft als einzige vor Ort sind. Zusammenfassungen daraus werden wiederum regelmäßig ins Englische übersetzt und ins Internet gestellt. Von den westlichen Medien werden sie nicht zur Kenntnis genommen. Sicherlich gibt es auch hier sehr viel Propaganda – allerdings wohl kaum mehr als bei den Berichten der Besatzungstruppen. Und wenn auch die Erfolgsmeldungen der Guerillagruppen in der Regel übertreiben dürften, so zeigen sie doch, daß die Aktivitäten überwiegend in Angriffen auf Besatzungstruppen bestehen und in weit geringerem Maße aus Anschlägen auf irakische Polizei- und Armee-Einheiten oder andere Personen, die mit den Besatzern zusammenarbeiten.Obwohl die Widerstandsbewegung offensichtlich keine gezielten Angriffe auf die Zivilbevölkerung durchführt, werden Zivilisten häufig von rücksichtslosen Angriffen der Guerilla auf Besatzungstruppen, bzw. deren oft blindwütiger Reaktion, in Mitleidenschaft gezogen. Längst nicht alle Kämpfer unterwerfen sich der Disziplin von Richtlinien, wie die oben erwähnte von Jama’. Viele Iraker sehen daher auch solche Angriffe als willkürlich an und fühlen sich selbst durch den Widerstand bedroht.Behauptung 4: Der Widerstand wird von »Saddam-Anhängern« getragenAuch entschiedene Gegner des alten Regimes, wie der Londoner Hochschullehrer Sami Ramadani von den Iraqi Democrats against Occupation (IDAO), weisen die Behauptung zurück, der Widerstand werde von »Saddam-Anhängern« angeführt. Zwar sind viele, die im Widerstand aktiv sind, ehemalige Mitglieder der Baathpartei; Widerstandsgruppen, die loyal zum alten Regime sind, stellen jedoch nur eine kleine Minderheit dar. Mitgliedschaft in der Baath war nicht gleichbedeutend mit Unterstützung für Saddam Hussein. Viele einstige Mitglieder machen diesen auch mitverantwortlich dafür, daß der Irak zur leichten Beute der USA werden konnte.Jawad Al-Khalisi, der Generalsekretär der INFC, veranschlagt den Anteil von »Saddam-Anhängern« und »islamistischen Hardlinern« im Widerstand zusammen auf höchstens fünf bis zehn Prozent. (Die Besatzungsbehörde hat mit ihrem »De-Baathisierung«-Programm propagandistisch geschickt an die »Entnazifierung« im Nachkriegsdeutschland angeknüpft. Allein schon ihre Mitgliedschaft soll die Baath-Mitglieder und den Widerstand, in dem sie aktiv sind, diskreditieren. Die Ideologie der Baath war aber nie völkisch oder rassistisch, sondern auf nationale Unabhängigkeit und einen sogenannten »arabischen« Sozialismus orientiert. Saddam Husseins Herrschaft stützte sich auch nicht auf die Partei, sondern auf eine Clique, die verwandtschaftlich mit ihm verbunden war, sowie auf Stammesführer und Clanchefs, die er durch diverse Zugeständnisse auf seine Seite ziehen konnte.)Behauptung 5: Der Widerstand ist radikalislamischAußer der oft willkürlich erscheinenden Gewalt ist es vor allem der angebliche radikalislamische Charakter des Widerstands, der viele Linke abstößt.Auch Sarkawis und ähnliche andere dubiose Gruppen beiseite gelassen, spielen islamische Gruppen und Persönlichkeiten unbestreitbar eine große Rolle im Widerstand. Die Bedeutung der Religion wird in der Regel aber ziemlich überschätzt. Für Europäer ist der Zusammenhang zwischen Islam und Politik, die in islamischen Ländern traditionell kaum voneinander zu trennen sind, generell recht schwer zu verstehen. »Die Forderung nach vollständiger Trennung von Religion und Staat ist daher mehr als nur säkular: sie ist offen antiislamisch«, schreibt der französische Wissenschaftler Gilbert Achcar. Aus diesem Grund sind auch linke und säkulare Organisationen nie ganz frei von Bezügen zum Islam.Sieht man sich die Plattformen von Widerstandsgruppen an, so stehen streng religiöse Motive nicht im Vordergrund. Es geht vielmehr darum, »die arabisch-islamische nationale Identität zu bekräftigen«, wie es z.B. in einer Erklärung heißt, die im Februar 2005 auf dem bis dahin größten Treffen »patriotischer Kräfte gegen die Besatzung«, unter Beteiligung eines breiten Spektrums von linken wie islamischen Organisationen, verabschiedet wurde. Oder wie es ein islamischer Widerstandskämpfer, Anführer einer Guerillaeinheit, gegenüber dem kanadischen Journalisten Patrick Graham ausdrückte: Man erträgt es nicht, arrogante, selbstherrliche GIs durch die Straßen patrouillieren zu sehen, die mit jeder Geste deutlich machen, daß Iraker nichts zählen, und die achtlos alles zertrampeln und beleidigen, was den Irakern wichtig und heilig ist.Graham, ein freier Journalist, der für den Londoner Observer und andere Zeitungen aus dem Irak berichtet, hatte ein Jahr lang engen Kontakt zu Angehörigen bewaffneter Widerstandsgruppen und hat seine Erfahrungen in einem 15seitigen Bericht zusammengefaßt, der einen sehr guten Einblick über Zusammensetzung und Motive dieser Gruppen gibt. Seine Darstellung macht deutlich, daß der Islam einfach Teil der Kultur des Landes ist und daß den Irakern, in Abwesenheit politischer Organisationen, zunächst nur die Stammeszugehörigkeit und die Moschee als organisatorischer Rückhalt blieben. Doch Religion und nationales Bewußtsein gehen bei den von Graham beobachteten Kämpfern Hand in Hand mit sozial fortschrittlichem, antiimperialistischem Gedankengut, das ihn teilweise an die 68er Generation und Che Guevara erinnerte.Hadi Al Khalissi vom INFC charakterisierte auf der Berliner Konferenz die vorherrschende Ideologie des Widerstands als einen moderaten und volkstümlichen Islamismus, der bemüht ist, die eigene Kultur zu verteidigen, aber tolerant ist gegenüber anderen Kulturen, Konfessionen und Religionen. »Viele Guerillas sind auf die gleiche Art vom Islam beeinflußt wie die US-amerikanischen Soldaten von der Religion, die ebenfalls dazu neigen, im Krieg mehr zu beten«, meint auch Cordesman.Selbst bei radikaleren islamischen Bewegungen wie der Muktadar Al-Sadrs stehen politische und soziale Anliegen im Vordergrund. Weder Al-Sadr noch andere größere Widerstandsorganisationen streben eine Herrschaft der Ayatollahs an.Die Widerstandsbewegung ist auch nicht gegen Wahlen. Viele fordern diese seit Beginn der Besatzung, allerdings Wahlen, die tatsächlich fair und frei sind und nicht, wie die Wahlen im Januar, unter der vollen Kontrolle der Besatzungsmacht stehen.Den Anhängern Al-Sadrs wird häufig vorgeworfen, gewaltsam gegen »Unislamisches« wie Alkoholausschank, Kinos oder leger gekleidete Frauen vorzugehen. Es gibt in der Tat sehr viele derartige Übergriffe und Drohungen, es ist aber sehr fraglich, ob dahinter tatsächlich Al-Sadrs Bewegung steckt, da keine von deren Verlautbarungen darauf hindeutet, dass solche Aktionen zur Politik Al-Sadrs gehören.Vor allem der Vorwurf systematischer Übergriffe auf Frauen gehört heute zum Standardrepertoire der Propaganda der politischen Gegner des (nicht nur) islamischen Widerstands. Diese Vorwürfe gipfelten vor dem Sturm der US-Truppen auf Falludscha in Greuelgeschichten, die von der Organisation for Women Freedom in Iraq (OWFI) verbreitet wurden. Der dortige Widerstand habe sich bemüht, in der belagerten Stadt »seine mittelalterlichen Gesetze durch Furcht und Horror durchzusetzen.« Der Schura-Rat von Falludscha, der Rat der islamischen Gemeinschaften der Stadt, habe, so die Frauenorganisation der Arbeiterkommunistischen Partei Iraks, in einer Fatwa die Mudschaheddins aufgerufen, alle Mädchen ab zehn zu vergewaltigen, bevor es die Amerikaner täten.Bei aller Distanz zu islamischen Gruppen weisen fortschrittliche Irakerinnen, wie Tahrir Swift, die Direktorin von Arab Media Watch und IDAO-Mitglied, oder Nada Al-Rubaiee von der Irakischen Patriotischen Allianz, diese und andere Vorwürfe als Diffamierungen zurück. Gewiß gebe es Verbrechen an Frauen und Ungerechtigkeiten, doch machen sie dafür die allgemeine Kriminalität, die Besatzer und ihre Verbündeten verantwortlich. Sie weisen angesichts solcher Kampagnen zudem darauf hin, daß die USA den Aufbau widerstandsfeindlicher Frauenorganisationen mit Millionen Dollar gefördert haben. Sie warnen vor einer Islamophobie, die den irakischen Widerstand im Namen der Frauenrechte bekämpft und Islam mit Terrorismus assoziiert.Es sei durchaus möglich, behauptet Sami Ramadani, dass der starke Einfluss islamischer Gruppen und Persönlichkeiten Frauenrechte gefährden könnte. Selbstverständlich würde er sich einen rein linken, säkularen Widerstand wünschen. Doch verletze die Besatzung die Rechte der Frauen auf alle Fälle weit stärker. Die verheerenden Lebensumstände verbannten sie ins Haus und hinderten sie an der Ausübung ihrer Berufe. Zigtausende Frauen wurden von Besatzungstruppen getötet, verwundet oder verschleppt.Mit SCIRI und DAWA gehören zudem zwei der reaktionärsten schiitischen Parteien, mit engen Verbindungen zum iranischen Regime, zu den wichtigsten Verbündeten der USA. Sie sind die stärksten Kräfte in der Interimsregierung und drängen sehr stark auf die Einbeziehung islamischen Rechts in die Verfassung.Wenn religiöse Organisationen mittlerweile ein Übergewicht im Irak haben, so liegt dies nicht zuletzt an der Schwäche der Linken. Hierzu hat auch die irakische KP einen guten Teil beigetragen. Ihr Übertritt ins proamerikanische Bündnis hat viele alte Sympathisanten verunsichert und ein großes Loch auf der Seite der Linken gerissen.Von Joachim Guilliard