Ausland Interview mit Dahr Jamail

Dahr Jamail stammt aus Anchorage in Alaska und berichtete unter anderem für die Agentur IPS, die Zeitung Asia Times und weitere Medien aus dem besetzten Irak. Zahlreiche seiner Beiträge sind auf seiner Internetseite www.dahrjamailiraq.com zu finden.

»Wer kann, verläßt den Irak« Sicherheitslage im US-Besatzungsgebiet ist brutal. Mangelernährung bei Kindern schlimmer als während der UN-Sanktionen. Gespräch mit Dahr Jamail
* Dahr Jamail stammt aus Anchorage in Alaska und berichtete unter anderem für die Agentur IPS, die Zeitung Asia Times und weitere Medien aus dem besetzten Irak. Zahlreiche seiner Beiträge sind auf seiner Internetseite www.dahrjamailiraq.com zu finden.
F: Wie sieht der Irak zweieinhalb Jahre nach der US-Invasion aus?
In weiten Teilen des Irak ist die Lage katastrophal, es herrscht ein komplettes Chaos. Die Sicherheitslage muß man richtigerweise als brutal beschreiben. Es gibt einen Guerillakrieg, der vor mehr als einem Jahr außer Kontrolle geriet. Heute gibt es täglich mehr als 70 Angriffe auf die US-Truppen, und man geht davon aus, daß das in den kommenden Monaten noch zunehmen wird. Daß die US-Streitkräfte jeden Teil des Irak unter Kontrolle haben, ist ein Mythos, mehr nicht. Selbst die schwer bewachte »Grüne Zone« wird regelmäßig mit Mörsergranaten beschossen. Wer nach Bagdad fliegt oder Bagdad mit dem Flugzeug verläßt, muß sich auf einen besonderen An- und Abflug vorbereiten, die Maschinen steigen bzw. landen sehr steil, in einer Spirale. Das ist jetzt schon seit mehr als einem Jahr so, weil das Militär nicht in der Lage ist, das Gelände um den Flughafen herum zu sichern. Es ist wie in Vietnam, die Flugzeuge würden abgeschossen, wenn sie nicht in dieser Spirale an- und abfliegen würden. Die Infrastruktur liegt in Trümmern. Während westliche Konzerne wie Bechtel gigantische Gewinne machen, leiden die Iraker. Sie sterben an Krankheiten, die durch das Wasser übertragen werden. Kinder leiden schlimmer unter Mangelernährung als während der UN-Sanktionen, die Arbeitslosigkeit liegt bei 70 Prozent.
F: Was denken die Iraker im allgemeinen über die US-Besatzung?
Kürzlich gab es eine Umfrage im Auftrag des britischen Militärs. Danach wollen 82 Prozent der Iraker, daß die Besatzungsarmeen aus dem Irak abgezogen werden. Weniger als ein Prozent hat den Eindruck, daß die Besatzungstruppen die Sicherheit verbessert haben, und 45 Prozent haben offen zugegeben, daß sie die Angriffe auf die US-Streitkräfte für berechtigt halten. Das ähnelt dem, was auch ich in den acht Monaten festgestellt habe, die ich im Irak war. Allerdings war der Prozentsatz derer, die den irakischen Widerstand unterstützen, meinem Eindruck nach größer als 45 Prozent. F: Weiß irgend jemand, wie viele Iraker vom US-Militär gefangen gehalten werden? Nein. Es gibt aber eine große Zahl von Vermißten. Zwei irakische Nichtregierungsorganisationen (NGO) sprechen von mehr als 100000. Man befürchtet, daß viele von diesen Vermißten vom US-Militär inhaftiert wurden. Die NGO »Gesellschaft der Ärzte für den Irak« schätzt, daß 60000 Iraker in US-Militärhaft sein könnten.
F: Was ist nun wirklich in Falludscha und Ramadi geschehen?
Während der Belagerung von Falludscha im November 2004 wurden 60 Prozent des Stadtzentrums völlig zerstört. Der Rest wurde teilweise bis schwer beschädigt. Irakische NGOs und Krankenhauspersonal in Falludscha und Umgebung schätzen, daß damals 4000 Menschen getötet wurden, überwiegend Zivilisten. Bis heute konnten mehr als 50000 Einwohner von Falludscha noch nicht wieder in ihre Stadt zurückkehren. Das US-Militär setzte während der Belagerung Streubomben ein, Munition mit abgereichertem Uran (DU) und weißen Phosphor, eine neue Form von
Napalm. Es gibt auch Hinweise, daß neuartige Chemiewaffen eingesetzt wurden. Ich habe Falludscha als das »Guernica von heute« beschrieben, ich würde das, was dort geschah, auch eher als Massaker bezeichnen, nicht als Belagerung. Falludscha zeigt modellhaft, welcher Art die Außenpolitik der Bush-Administration ist. Entgegen den Versprechungen der Besatzungsbehörden hat es bis heute so gut wie keinen Wiederaufbau im Stadtzentrum gegeben.
F: Gibt es andere irakische Städte, die vom US-Militär zerstört wurden, wovon wir nichts wissen?
Viele in den USA haben vielleicht noch nicht davon gehört, daß Al Kaim, Kerbala, Nadschaf, Haditha, Hit, Teile von Bakuba, Bagdad, Ramadi und Samarra bei US-Militäreinsätzen schwer beschädigt worden sind.
F: Herrscht im Irak schon Bürgerkrieg?
Ja, es ist ein Bürgerkrieg, der vom Staat unterstützt wird. Die irakische Marionettenregierung, die von den USA gestützt wird, benutzt die schiitischen Badr-Brigaden und die kurdischen Peschmergamilizen, um den überwiegend sunnitischen Widerstand zu bekämpfen. Die meisten Iraker lehnen Bürgerkrieg völlig ab, aber sie haben Angst, daß es dennoch dazu kommt, wenn die US-gestützte Taktik von »teile und herrsche« im Irak weiter um sich greift.
F: Was denken die Iraker über die Amerikaner?
Glücklicherweise unterscheiden die meisten sofort zwischen der US-Administration und dem amerikanischen Volk. Doch an Orten wie Falludscha, Haditha und Al Kaim, wo die US-Militärschläge so viele Tote gekostet haben, wo soviel zerstört wurde, dort geht diese Unterscheidung zusehends verloren.
F: Lebt der von den USA als »Topterrorist« gesuchte Abu Musab Al Sarkawi?
Meine persönliche Meinung ist, daß er nicht mehr lebt. Als ich das letzte Mal in Jordanien war, habe ich intensiv nachgeforscht. Ich war in Al Sarka, woher Sarkawi stammt, dort habe ich viele seiner Nachbarn befragt und alte Freunde. Die meisten von ihnen sind der Ansicht, daß er schon in Tora Bora, in Afghanistan, getötet wurde. Damals, als die US-Luftwaffe dort nach dem 11. September die Angriffe flog. Ich halte
die Behauptung, er sei der Führer des irakischen Widerstandes oder er führe eine terroristische Gruppe im Irak, für US-Staatspropaganda.
F: Haben die Iraker noch Hoffnung auf eine Zukunft?
Immer weniger. Wer es sich leisten kann, verläßt den Irak. Die, die keine Wahl haben und bleiben müssen, sind mit zunehmender Gewalt konfrontiert. Es gibt keinen Wiederaufbau, die Regierung ist fundamentalistisch, und die nicht enden wollende US-Besatzung war schon gescheitert, noch bevor sie begonnen hatte. F: Sind die Amerikaner verpflichtet, den Irakern zu helfen? Und was kann man tun? Die Amerikaner sind total verpflichtet, den Irakern zu helfen. Immerhin ist es ihr Fehler, daß es der Bush-Clique möglich war, den Irak zu besetzen. Jeder US-Bürger, der nicht alles in seiner Macht Stehende tut, um diese illegale und unmoralische Besatzung so schnell wie möglich zu beenden, macht sich zum Komplizen der Kriegsverbrechen,
die täglich im Irak geschehen.
* Das Gespräch erschien zuerst bei www.unknownnews.org