Ausland Russisch-orthodoxe Kirche lehnt westliche Menschenrechtskonzeption ab

Die liberalen Werte, die der Westen der Welt als ein universelles Modell anbietet, sind falsch, weil sie den Begriff Moral ignorieren. Die Rechte und Freiheiten machen, aus dem moralischen Kontext herausgenommen, den Menschen zu fremdenfeindlichen Handlungen, zu einer Beleidigung der religiösen Gefühle anderer Menschen und zu sonstigen Sünden fähig.

Geistliche Würdenträger in Moskau sehen moralische Grundfesten vom „aggressiven Liberalismus“ bedroht.
MOSKAU, 14. April (Wladimir Simonow, RIA Novosti). Die liberalen Werte, die der Westen der Welt als ein universelles Modell anbietet, sind falsch, weil sie den Begriff Moral ignorieren. Die Rechte und Freiheiten machen, aus dem moralischen Kontext herausgenommen, den Menschen zu fremdenfeindlichen Handlungen, zu einer Beleidigung der religiösen Gefühle anderer Menschen und zu sonstigen Sünden fähig. Die westliche Konzeption verwechselt die Menschenrechte mit dem Zustand des Alleserlaubtseins.
Zu diesem Schluss gelangten die Teilnehmer des internationalen russischen Volkskonzils, eines angesehenen Forums, zu dem geistliche Würdenträger der russisch-orthodoxen Kirche, ranghohe Staatsbeamte, Parlamentsabgeordnete und Bürgerrechtler nach Moskau gekommen waren. Das Konzil nahm eine „Erklärung über die Rechte und die Würde des Menschen“ an. Darin werden die liberalen Werte, die vom Westen nach Russland gekommen sind, in Zweifel gezogen und eine eigene Auslegung der Menschenrechte in der russischen Gesellschaft angeboten.
In seinem Diskussionsbeitrag beim Forum kritisierte Metropolit Kyrill von Smolensk und Kaliningrad den westlichen Liberalismus recht leidenschaftlich dafür, dass dieser „die Grenze zwischen gut und böse verwischt“. „Eine Persönlichkeit darf sich nicht auf eine solche Weise realisieren, die eine Einschränkung der Freiheit der anderen nach sich ziehen kann“, erklärte der Chef-Theoretiker des Moskauer Patriarchats, womit er die übliche Auslegung der westlichen Demokratie meinte. „Mit anderen Worten: Man muss die juristischen Gesetze, aber nicht unbedingt die moralischen Imperative respektieren.“
Die Bombenangriffe auf christliche Gotteshäuser in der Provinz Kosovo, die im Westen keine Empörung hervorgerufen haben, der Skandal mit Mohammed-Karikaturen oder die Geschichte mit einem schwedischen Pfarrer, der wegen seiner Äußerungen gegen die Homosexualität im Gefängnis gelandet ist – all das waren nach Ansicht des Metropoliten markante Beispiele einer Missachtung der Moral, getarnt als Schutz von Menschenrechten.
Die vom Forum angenommene Erklärung hätte man zu anderen Fakten, die von der Wiederherstellung des Einflusses der russisch-orthodoxen Kirche zeugen, zählen und gleich vergessen können, würde es dabei nicht einen wichtigen Umstand geben. Die Revision der westlichen liberalen Konzeption der persönlichen Rechte und Freiheiten geschieht in Russland zu einem Zeitpunkt, da die orthodoxe Welt aktiv in den europäischen Raum einbezogen wird. Viele orthodoxe Länder sind bereits EU-Mitglieder bzw. haben das für die nächsten Jahre vor.
Für Russland liegt das natürlich in einer entfernten Zukunft. Aber schon heute wird kaum jemand bestreiten, dass das Land zu einem Subjekt des europäischen Rechtsraums wird. Der Gesetzgebungsprozess in Russland orientiert sich immer mehr an westeuropäischen Standards. Außerdem gehört Russland als ein integrierter Teil geografisch, historisch und geistig zu Europa, ob das jemandem gefällt oder nicht. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Weigerung der Russisch-orthodoxen Kirche wie auch gewisser weltlicher Kreise der russischen Gesellschaft, den ideologischen Klischees des Westens blindlings zu folgen und sich mit der Rolle eines Junior-Partners begnügen zu müssen, sowie ihr Streben, auf einer Rückkehr der Menschenrechte aus dem Bereich einer abstrakten Justiz ins Feld der Moral zu bestehen, offenbar eine beachtliche internationale Bedeutung.
Umso mehr als die beim Forum unterbreiteten Ideen der russisch-orthodoxen Kirche von einflussreichen russischen Politikern unterstützt und weiterentwickelt wurden.
So führten bereits das Aufdrängen der Werte der westlichen Gesellschaft anderen Völkern als ein universelles Modell wie auch die gewaltsamen Versuche, eine zentralisierte übernationale Gemeinschaft zu bilden, nach Ansicht der Vizevorsitzenden der Staatsduma, Ljubow Sliska, zu verheerenden Folgen. Frau Sliska hat eindeutig die besorgniserregenden Ereignisse der letzten Jahre gemeint wie den Krieg in Irak, die Radikalisierung des Nahen Ostens und insgesamt eine Zuspitzung von dem, was heute als eine „Konfrontation der Zivilisationen“ bezeichnet wird.
Aus Moskauer Sicht auf diese Prozesse sind die Ideologen des Liberalismus bemüht, den Gedanken von einer unvermeidlichen Kollision zwischen dem „christlichen Westen“ und dem „islamischen Osten“ ins öffentliche Bewusstsein einzupflanzen. Und sie sind auch bestrebt, Russland zu einem Teilnehmer dieses Zusammenstoßes zu machen.
„Es wird versucht, unser Land dazu zu provozieren, sich auf der Seite der westlichen Zivilisation in dem, wie man meint, unvermeidlichen Konflikt mit der islamischen Zivilisation festzulegen“, mahnte Außenminister Sergej Lawrow von der Tribüne des Forums. „Darin sehe ich eine Bedrohung nicht nur für die grundlegenden Interessen der internationalen Lage Russlands, sondern auch für dessen innere Entwicklung als eines multinationalen und multikonfessionellen Landes.“
Die Teilnehmer des Moskauer Konzils haben versucht, die Ursachen solcher in vieler Hinsicht miteinander verbundener Ereignisse neu zu erfassen wie die Unruhen in den von Immigranten besiedelten Randbezirken der europäischen Städte, die Welle der islamischen Proteste gegen manche Veröffentlichungen in der Presse Westeuropas und schließlich die Zunahme des internationalen Terrorismus. Liegt es etwa daran, dass der Westen versucht, die gesamte Vielfalt der Welt in solche Formen der Demokratie hineinzuzwingen, die ausschließlich im westeuropäischen philosophischen Kontext künstlich erzeugt wurde, in einen Kontext, an dem Moslems, Juden, Buddhisten, Hindus, orthodoxe Christen und zum Teil auch Katholiken nicht beteiligt sind?
Eine absolute Mehrheit der Erdbevölkerung, die diverse uralte und eigenartige Kulturen verkörpert, wurde von der Arbeit an diesem Wertesystem ausgeschlossen. Nun wird aber dieses System als ein universeller globaler Standard durchgesetzt, und zwar manchmal mit Gewalt. Soll man sich dann darüber empören, dass eine fromm religiöse und in der Ablehnung der Sünde erzogene Persönlichkeit beim Widerstand gegen diese Offensive des aggressiven westlichen Liberalismus sich und alle rund herum aufopfert?
Diese Gedanken, die von den Debatten und Dokumenten des Internationalen russischen Volkskonzils in Moskau erweckt wurden, werden sicherlich strittig erscheinen. Sie müssen aber publik gemacht werden, und zwar je öfter, desto besser. Die Welt ist in die Ära der Globalisierung getreten, und wir müssen eine Einigung über die gemeinsamen fundamentalen Werte finden. Widrigenfalls ist es unmöglich, in einem einheitlichen zivilisierten Raum zu leben.