KOMMENTAR

- 17.07.2021

Eine Zwischenbilanz der Pandemie

Jetzt, da die Pandemie in vielen Ländern im Griff zu sein scheint, ist es Zeit, Zwischenbilanz zu ziehen. Hierbei sticht eine Erkenntnis besonders hervor: Nach der Pandemie werden die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse weltweit nicht anders sein als vor der Pandemie, weil die Verhaltensänderung der Menschen aufgezwungen war und nicht das Ergebnis eines Denkprozesses ist. Solange das Denken sich nicht ändert, bleibt das Verhalten dasselbe. Die Menschen kehren sofort zu ihren alten Verhaltensmustern zurück, sobald es die äußeren Faktoren erlauben. Die entschärfte Pandemielage legt deshalb Folgendes offen:  

﴿إِنَّ اللَّهَ لَا يُغَيِّرُ مَا بِقَوْمٍ حَتَّى يُغَيِّرُوا مَا بِأَنْفُسِهِمْ

Allah ändert den Zustand eines Volkes nicht, bis sie ändern, was in ihnen ist. (13:11) Die notwendige Veränderung fällt nicht vom Himmel, sondern kann nur das Ergebnis eines Sinneswandels sein. Nur eine neu gewonnene Einstellung zu den existentiellen Fragen führt zu einer dauerhaften Verhaltensänderung. Wie hätte sich also etwas ändern sollen, wenn weltweit alle politischen Maßnahmen darauf hinausliefen, den alten Zustand wiederherzustellen, der vor der Pandemie bestand? Der Kapitalismus wird die Pandemie, wenn auch mit einigen Blessuren, überstehen. 

Oberflächlich betrachtet, hätte die Pandemie Potential gehabt, die Menschen zu verändern. Denn die Welt hörte eine Zeit lang auf, sich politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich weiterzudrehen. Das ist ein Zustand, der in dieser Form aus der gesamten Menschheitsgeschichte noch nicht bekannt ist. Ein winziges Virus gerät zwischen die Zahnräder und hält die Maschinerie des 21. Jahrhunderts an. Deutlicher hätte dem Menschen seine Schwäche und Unzulänglichkeit nicht demonstriert werden können. Spätestens in der Pandemie hätte also die Einsicht kommen müssen, dass eine höhere Macht existiert, die jederzeit all das, was der Mensch aufgebaut hat und was er für wichtig und unzerstörbar hält, vernichten kann. Ein Denkprozess kam jedoch nicht zustande, der die Voraussetzung für diese Erkenntnis bildet. Deshalb gab es von Anfang an keine Aussicht darauf, dass sich die Menschen allein aufgrund der Pandemie verändern. 

Bei den einen löste der Stillstand reale Existenzängste aus, andere freuten sich über eine entschleunigte Welt und begaben sich auf den Weg der Selbstfindung. Wiederum andere – die Freiheitsfanatiker – führen einen Kreuzzug gegen alles, was aus ihrer Sicht ihre Freiheit einschränkt, ob es die Maskenpflicht, die Schließung der Schulen und Geschäfte oder die Kontaktbeschränkungen sind. Ihr Kampf gilt jeder Maßnahme, die ihrer Vorstellung von Freiheit widerspricht, die ihnen der Kapitalismus eingeimpft hat. Vom kapitalistischen Standpunkt aus betrachtet, lässt sich eine Einschränkung der Freiheit durch nichts rechtfertigen. Die Möglichkeit, dass der Freiheitsbegriff möglicherweise unverträglich ist mit der Realität, zieht der Kapitalist nicht in Betracht. Ihm geht es auch gar nicht um denjenigen, der von Existenzängsten geplagt ist, sondern nur um die Unantastbarkeit der Idee von Freiheit. Das sind hauptsächlich die individuellen Reaktionen auf die Pandemie. 

Auch auf politischer Ebene zeichnet sich keine Veränderung ab. Das Gegenteil ist der Fall, denn die westlichen Staaten versuchen ihr kapitalistisches System noch besser abzusichern und ihr „Recht“ auf Ausbeutung, wie gehabt, durchzusetzen. Die Kolonialpolitik stand niemals still. Die Pandemie hielt die Weltmacht USA nicht davon ab, ihr kolonialistisches Treiben fortzusetzen und um die Vormacht in der islamischen Welt zu kämpfen. Ein besonders anschauliches Beispiel dafür ist Libyen. Dort hat sich innerhalb des Corona-Jahres einiges getan. Nach den jahrelangen Machtkämpfen zwischen den beiden Schachfiguren der Kolonialmächte Fayiz Sarraj, der Ministerpräsident der Übergangsregierung war, und Chalifa Haftar, der den Osten Libyens kontrollierte, ist mit Abdulhamid Dbeiba eine neue Schachfigur auf das Brett gelegt worden. Dbeiba wurde am 5. Februar 2021 zum Ministerpräsidenten einer libyschen Einheitsregierung gewählt, was der Öffentlichkeit als politischer Durchbruch verkauft wurde, der die politische Spaltung Libyens überwinde. Bei dem Dialog, der kurz zuvor im marokkanischen Bouznika stattgefunden hatte, dessen Fädenzieher Großbritannien war, war dies noch nicht gelungen. Nur wenige Tage nach der Konferenz in Bouznika fand eine Konferenz in Genf statt, aus der die Wahl Dbeibas hervorging. Dies geschah unter UN-Aufsicht, was nichts anderes heißt, als dass alles unter US-amerikanischer Aufsicht und Anstrengung zustande kam. Ausgerechnet im Corona-Jahr gelang es den USA, die Machtverhältnisse in Libyen deutlich zu ihren Gunsten zu verändern. 

Politische und gesellschaftliche Veränderungen werden durch den Menschen herbeigeführt und ergeben sich nicht etwa durch eine Pandemie oder Ähnliches. Insbesondere gilt dies für die Lage in der islamischen Welt. Genau genommen ist die Pandemie das geringste Problem der Muslime und kann dazu genutzt werden, von ihren wahren Problemen und deren Ursachen abzulenken. Deshalb darf man nicht in einer Pandemiestarre verharren, denn der Kolonialismus ist mit und ohne Pandemie das Hauptproblem der Muslime. 

 

(U.A.)